Showhypnose

Wenn es um Hypnose geht, denken die meisten Menschen sofort an jene spektakulären Shows und Bühnendarbietungen, die hin und wieder in Discotheken, auf Rummelplätzen und gelegentlich auch im Fernsehen gezeigt werden.

Ein “Hypnotiseur”, der nach Aussagen der Veranstalter “weltbekannt” für seine Fähigkeiten ist, wird großartig angekündigt. Oft wird für solch ein einmaliges Ereignis natürlich auch ein angemessener Eintritt verlangt...
So wird jeder, der neugierig ist, schon darauf vorbereitet, daß es sich um einen außergewöhnlichen Menschen handeln muß - auf jeden Fall um einen großen “Meister” seiner Kunst.
Hier muß als erstes angemerkt werden, daß bei diesen Darbietungen - wie zum Beispiel auch bei sogenannten “Geistheilern” und Wahrsagern - sehr viel von der Vorerwartung der Zuschauer abhängt. Je spektakulärer ein Hypnotiseur angekündigt wird, desto größer sind die Erwartungen und desto mehr traut man ihm zu. Man ist sozusagen vorab schon überzeugt, daß es sich um einen “Könner” handelt, der sein Métier perfekt beherrscht.
Weil man Eintritt bezahlen muß ist die ganze Sache auch mit einer Investition verbunden. Also kommen zum großen Teil nur die Leute, bei denen die Werbung auch gewirkt hat - die folglich davon überzeugt sind, daß an diesem Abend auch etwas wirklich großartiges geschehen muß.
Bereits vor der Show findet ein wirksamer Selektionsprozeß statt: der Hypnotiseur sorgt dafür, daß sein Publikum größtenteils aus solchen Zuschauern besteht, die an seine Fähigkeiten glauben und ihm auch jede Menge Fähigkeiten zutrauen.

Die Show beginnt...
Erneut wird der Hauptdarsteller vom Veranstalter als großer Meister gepriesen und erzählt dann noch von vielen seiner Wundertaten und seiner überwältigenden Erfahrungen auf seinem Gebiet. Natürlich umgibt er sich noch mit dem Nimbus der Magie, trägt exotische Kleidung, wirkt dämonisch, hat einen typischen “hypnotischen Blick” oder zumindest einen sehr markanten Bart.
Überdies spielt oft Musik eine große Rolle - monumentalen Orchesterwerken wird hierbei deutlich der Vorzug gegeben. Manchmal finden sich auch grelle Halogenstrahler auf der Bühne und Nebelmaschinen tun ein übriges, um den Eindrucksvollen Auftritt zu unterstreichen.

Nun muß der “Meister” seine “Opfer” - die Leute, die er zu sich auf die Bühne holt - für den heutigen Abend auswählen...
Hierfür gibt es viele Techniken und Strategien. Jeder Bühnenhypnotiseur, der schon zehn Jahre auf den verschiedensten Bühnen aufgetreten ist, hat seine eigenen entwickelt.

Der Hypnotiseur stellt suggestiv formulierte Fragen an das Publikum oder fordert die Zuschauer zu bestimmten Aktivitäten auf. Hierbei greift er auf Phänomene zurück, die sich einfach durch Vorstellungen herbeiführen lassen:
“Wenn man den linken Arm anhebt..., die Augen schließt... und sich ganz deutlich vorstellt, wie sich der Arm schwerer und schwerer anfühlt, ...schwerer und schwerer wird, ...wie von einer Kraft nach unten gezogen wird, ...ganz von selbst und wie gegen den eigenen Willen, ...dann geschieht dies manchmal tatsächlich und der Arm sinkt ...ganz schwer und träge nach unten. ...man kann ihn gar nicht mehr aufhalten.”
So geht der Auswahlprozeß weiter: zunächst sieht der Showhypnotiseur mit seinem stets aufmerksamen Blick in die Runde, wer überhaupt mitmacht - d.h., wen er schon so weit bringen kann (oder wer seine Anweisungen so weit befolgt) , daß er die Augen schließt und den Arm hebt. Und genau dies interessiert ihn auch !
Natürlich sieht er auch, bei wem der Arm tatsächlich nach unten wandert.
Showhypnose ist oft dadurch zu erklären, daß die entsprechenden “Versuchspersonen” einfach auf irgend eine Weise vom “Hypnotiseur” dazu gebracht werden, bestimmte Dinge zu tun. Hypnotische Trance spielt bei Showhypnosen eigentlich keine erwähnenswerte Rolle.

Nach einer kurzen Pause blickt der “Hypnotiseur” wieder in die Runde und registriert aufmerksam, bei wem die Übung auch überzeugend “gewirkt” hat. Dies erkennt er bei seiner Bühnenerfahrung leicht am Gesichtsausdruck einiger Zuschauer (manche werden auch verblüfft und nachdrücklich nicken...).

Nun merkt er sich einfach diese Leute und fährt mit zwei oder drei suggestiven Übungen ähnlicher Art fort. In hinreichend suggestiver Formulierung bieten sich z. B. die folgenden an:
-
die Finger beider Hände verschränken und sich intensiv vorstellen, daß die Hände wie miteinader wie verwachsen oder verklebt sind und sich nicht mehr voneinander lösen lassen,
- den Blick auf einen Punkt fixieren und bemerken, wie die Augen müde werden und sich nach kurzer Zeit wie von alleine schließen,
- tief ausatmen und spüren, wie der Körper sich bei jedem Ausatmen schwerer wird und schwerer auf den Sessel sinkt...
Dies sind alles Phänomene, die jeder einfach durch die Wirkung von Vorstellungen verspüren kann, die aber wenige Leute bewußt suggestiv am eigenen Körper herbeigeführt haben.
Es kommt dem Showhypnotiseur nur darauf an, daß bestimmte Leute aus dem Publikum bereit sind, sich so weit auf seine Suggestionen und Anweisungen   einzulassen, daß sie neue Erfahrungen zulassen und erleben - und zwar genau die Erfahrungen, die er vorgibt.
Bei einem erneuten Blick in die Runde sieht er, wer durch seinen Gesichtsausdruck signalisiert, daß ihn diese neuen Erfahrungen interessieren, und wer aufgeschlossen für weitere Erfahrungen dieser Art sein könnte.
Zuschauer, die auch außergewöhnliche Phänomene erleben, welche aber nicht mit den vom Hypnotiseur “vorgeschriebenen” übereinstimmen, wird er strikt aus der engeren Wahl als Mitwirkende auf der Bühne ausschließen. Sie wären ja potentielle “Querulanten”, die sogar seine Show kaputtmachen könnten...

Der Hypnotiseur merkt sich sehr gut, wer bei all diesen Übungen eifrig dabei war und wer z. B. durch immer überzeugteres Nicken oder durch immer größere offensichtliche Verblüffung auffällt.

Nun folgen oft noch einfache Fragen - wer sich z. B. für Astrologie, Tarot-Karten oder Wahrsagerei interessiert. Der Hypnotiseur registriert alle Zuschauer, die positiv antworten.

Dann folgt die letzte Frage:
“Wer möchte heute abend aktiv bei dieser Show mitwirken ?”

Eine ganze Reihe von Händen hebt sich...
Nun erkennt der Hypnotiseur unter den Zuschauern, die sich melden, schnell diejenigen Leute, die bei allen drei oder vier suggestiven Übungen positiv reagiert haben und die sich für Wahrsagerei, Tarot und Astrologie interessieren.
Er bildet sozusagen die Schnittmenge der positiven Antworten und kann so leicht die am besten geeigneten “Versuchspersonen” für sich heraussuchen.

Daß es Showhypnotiseuren nur darauf ankommt, ihre Mitwirkenden auf irgend eine Weise so zu beeinflussen, daß sie tun, was sie ihnen sagen und was sie von ihnen verlangen (ohne daß Hypnose eine nennenswerte Rolle dabei spielt), läßt schon die Auswahlmethode eines bekannten Bühnenhypnotiseures erahnen, bei dessen Show ich selber einmal zugange war:

Der Showhypnotiseur wurde als perfekter Könner seines Faches angekündigt. Die Bühne war noch leer - der “Meister” noch nicht da. Das Publikum wurde schon langsam ein wenig unruhig...
Plötzlich ging im Saal das Licht aus - es war stockfinster, ein Raunen ging durch die Menge und an einzelnen Stellen vernahm man verlegenes Kichern.
Auf einmal ertönte in diesem Dunkel relativ laute, monumentale Musik (meiner Erinnerung nach “Conquest of Paradise” von Vangelis - die Auftrittsmusik von Henry Maske vor seinen Boxkämpfen). Alle wurden - im wahrsten Sinne des Wortes - noch gespannter, was nun passieren würde.
Unvermittelt bemerkte man kurz darauf, daß zwischen den Stuhlreihen mit ziemlich schnellem Schritt eine dunkle Gestalt mit einer grellen Taschenlampe herumlief, die in unkontrollierten Abständen an- und wieder ausgeschaltet wurde. Es war wie wenn sie die Zuschauer erschrecken wollte - niemand wußte, wo das Licht wieder auftauchen würde und was einen erwartet, wenn der Mann mit dem Licht auf einen zugeht.
Die Gestalt kam näher zu mir her und ich bemerkte, daß es der Showhypnotiseur selbst war - er war gerade bei seiner Versuchspersonenauswahl:
Er ging durch die Reihen und leuchtete jedem Zuschauer mit der grellen Taschenlampe direkt ins Gesicht. Auf ungefähr jeden vierten oder fünften ging er - nach kurzem Anleuchten - mit einem schnellen Schritt forsch zu, ergriff fest seine Hand, zog ihn zu sich her und sagte todernst und energisch - natürlich mit festem Blick in seine Augen: “Du kommst mit !”
Logischerweise reagierten die Zuschauer alle unterschiedlich:
- manche wurden angeleuchtet, schmunzelten daraufhin und schauten weg. Einige hoben die Hand, um sich vor dem grellen Licht zu schützen (“...ist ja fürchterlich hell...”). Als er mich anleuchtete, lachte ich, verdrehte die Augen nach oben und schüttelte leicht mit dem Kopf.
...von all diesen Leuten inclusive mir wollte der “Hypnotiseur” gar nichts wissen. Er ging sofort (nach kurzem Anleuchten) weiter.
- es gab jedoch auch einige Zuschauer, die durch das Anleuchten regelrecht erschreckt wurden und ein wenig länger in das Licht schauten als die, die gleich sichtbare “Abwehrmaßnahmen” ergriffen hatten. Manche schauten ein paar Sekunden und sie wirkten in diesem Moment irgendwie überrumpelt und wehrlos.
Genau diese “Schrecksekunde” nutzte der Showhypnotiseur aus: die überrumpelten Zuschauer zog er an der Hand zu sich her und sagte: “Du kommst mit !”
Ein paar wenige ließen dies einfach geschehen, standen wortlos auf und gingen mit ihm auf die Bühne.
Bei einigen von den “Überrumpelten” kam es jedoch auch noch zu “Widerständen”. Sie blieben entweder nachdrücklich sitzen oder sagten einfach “Nein”. Hier war der zweite Anlauf des Hypnotiseurs, daß er in noch schärferem Ton, mit noch ernsterem Blick und mit noch stärkerem Zug der Hand zu sich her sagte: “Los, komm jetzt mit !!”
Wenn die Leute auch dann noch sitzenblieben, ließ der Hypnotiseur einfach die Hand los und ging weiter zum nächsten Zuschauer.
Es genügt vollkommen, wenn sich 5 oder 6 Leute aus einem Publikum von 200 Zuschaiuern finden, die mit dem Hypnotiseur auf die Bühne gehen.
Es ist fast immer so, daß sich im Publikum eines Showhypnotiseurs 5 oder 6 Leute finden, die seinen autoritären Anweisungen in dieser Situation “gehorchen”. Hier sei auch erwähnt, daß die Shows oft in Discotheken stattfinden, in denen viele sehr junge Zuschauer anwesend sind...
Man kann sich leicht vorstellen, daß die so ausgewählten Mitwirkenden auch weitere Anweisungen des Showhypnotiseurs befolgen werden, die - kritisch betrachtet - oft recht oberflächliche und für die Anwesenden launige und spaßige Verhaltensvorschriften darstellen.

Die “Auserwählten” stehen nun auf der Bühne und das Publikum wird dazu aufgefordert, die Mutigen mit einem kräftigen Applaus zu begrüßen. Beifall spielt überhaupt eine ganz große Rolle. Die Mitwirkenden müssen so bald wie möglich erfahren, daß sie die Hauptdarsteller sind, im Mittelpunkt der Show stehen und das Publikum ihnen durch enthusiastisches Klatschen zeigt, daß es begeistert von allem ist, was sie machen - mit anderen Worten gesagt: begeistert von dem, was sie von den Anweisungen des Hypnotiseurs umsetzen und befolgen...

Manche Hypnotiseure unterbrechen die Show für einen Moment und bitten die Mitwirkenden ins Hinterzimmer. Dort werden dann häufig kleine suggestive Übungen ausgeführt, die dem Hypnotiseur zeigen, wer ganz besonders kooperativ ist und wer auch ohne jede Form von Trance allen Instruktionen bereitwillig folgt. Natürlich wird jede Übung mit einem kurzen magischen Ritual eingeleitet, das ins Hypnoseklischee paßt:
- der Hypnotiseur schaut einem z. B. tief in die Augen, läßt ein Pendel vor dem Gesicht schwingen oder schnippt mit den Fingern und sagt: “Wenn ich jetzt bis drei zähle, wirst Du tief schlafen.”
Zeigt die Versuchsperson Anzeichen von Schlaf oder vemeintlicher Trance, kann die nächste Anweisung gegeben werden - die erste hat ja schon ganz gut funktioniert.
Oft muß man sich irgendetwas vorstellen und dann offen so reagieren, als ob es wahr wäre. (“Stell´ Dir vor, Du wärst ein Hahn auf einem Bauernhof! Dann kräh´ jetzt auch wie ein Hahn!!!” - “Stell´ Dir vor, Du hast Ameisen am ganzen Körper! Du spürst das Jucken und jetzt kratz´ Dich!!!” - und ähnliche lächerliche Spielchen)...

Bei einigen Bühnenhypnotiseuren bilden diese “Übungen” schon den ersten Teil der Show und sie werden direkt auf der Bühne ausgeführt.

In fast allen Fällen wird der Hypnotiseur einen Teil der ausgewählten Zuschauer wieder auf ihren Platz im Publikum zurückschicken - nämlich die, die nicht alles genau so tun, wie er es ihnen sagt. Aus dem Hinterzimmer ist dies ein wenig unauffälliger, doch auch am Anfang der Show erregt es kein großes Aufsehen...

Betrachten wir einmal ganz rational, was bisher mit den potentiellen Versuchspersonen geschehen ist:
- sie sind freiwillig in die Show gekommen, um eine Hypnose zu “erleben”
- dafür haben sie sogar Eintritt bezahlt...,
- bei allen unverfänglichen Vortests haben sie mitgemacht - und durch ein Nicken gezeigt, daß alles bei ihnen funktioniert,
- man hat sie aufgefordert, auf die Bühne zu kommen - sie waren so mutig, das auch zu tun. Sie stellen sich als Hauptdarsteller in den Mittelpunkt des Abends!
- für diesen Schritt sind sie vom Publikum  - und auch vom Hypnotiseur - verstärkt und bekräftigt worden,
- und dann haben sie noch gezeigt, daß sie auf alle Anweisungen des Hypnotiseurs - wie lächerlich sie auch sein mögen - genau so reagieren, wie er es von ihnen verlangt...

Eigentlich ist an diesem Punkt - bevor die Show überhaupt losgeht - der interessanteste Teil der Showhypnose - zumindest für den Hypnotiseur und die ausgewählten Mitwirkenden - schon vorbei.

Der Hypnotiseur fordert seine Mitwirkenden dann während der eigentlichen Show auf, eine ganze Reihe von lustigen und lächerlichen Dingen zu tun, und das Publikum honoriert jeden Spaß durch Beifall und Begeisterung.

Folgendes Vorgehen - wenn einmal etwas nicht nach den Wünschen des Meisters funktioniert - ist durchaus üblich:
Wird eine Suggestion nicht gleich befolgt, nimmt er einfach das Mikrofon beiseite (damit ihn niemand im Publikum hört) und sagt in befehlendem und sehr autoritärem Ton zu der betreffenden Versuchsperson: “Was soll das? Los! Mach, was ich Dir sage !!!” ...bei dem vorher beschriebenen Auswahlverfahren kann sich eine solche “Suggestion” im “Notfall” als recht wirksam erweisen.

Oft ist es so, daß der Hypnotiseur sich im Verlauf der Show bei immer mehr Mitwirkenden (unter tosendem Beifall) bedankt und sie auf ihre Plätze im Publikum zurückschickt. Am Schluß - bei den aufwendigeren Suggestionen - arbeitet er dann nur noch mit ein oder zwei Leuten..., mit denen, die sich während der Show als besonders kooperativ herausgestellt haben.

Die Showhypnose gibt uns ein Beispiel dafür, daß einfache Suggestionen in Ausnahmesituationen - wie beim ungewohnten Auftriit vor großem Publikum - auch ohne jegliche Form von hypnotischer Trance zum Erfolg führen und wie einfache Vorerwartung und das Gefühl, als Hauptdarsteller im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses zu stehen, Menschen dazu bringen können, ungewöhnliche und verblüffende Dinge zu tun.